Short Stories von Rüdiger Saß: Die 24.

Freitag, 5. März 2010 um 01:38 - futziwolf


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Veranstaltungen
von Rüdiger Saß

Klimpernde Sprachschlüssel eines Schriftzeichenzauberers, rauschende Gedankenduschen, Wortwülste, Gesprächsketten von Kulturkaspern, Gesprächskettenreaktionen, inspirationslos wie eine weiße Wand. Der Weltmeister im Stabreimsprung nimmt Anlauf, mit Ideenbällen spielend. Er bedient sich seiner Weisheitswaffen, wohl wissend, allen um Hirnes Breite voraus zu sein. Das schafft Unmut, denn er mimt nicht nur das Arschloch. Knallende Mundpeitschen bei jäh ausbrechender Bosheit, Freßbrettflegeleien, Schmähschund und Schandgeschosse, von Gehörhöhle zu Gehörhöhle hallend und von einer Hirnhaushälfte in die andere.

Mein Ich eine Insel der Ruhe in einem Ozean des Lärms, in einem Primatenzentrum voller Lästerbälger, in Silberlicht getauchte Fackelträger der Kultur, ernannte und selbsternannte Glücksgimpel, Popelspäher und Reichserbkloputzer. Ich sehe Prunkredner, die Sprache des Feuers sprechend, mit Beifall beworfen – wenn ich nur das Ende fände! – mit Provinzmanieren prangende Schreikuriere, Lustmäuler und Röchler.

Angst ist der Samen aller Geselligkeit, aller Vergesellschaftung. Deshalb sind wir auf Veranstaltungen, aus Angst und Langeweile, mit nur notdürftig von Hautlappen verborgenen Schädelhöhlen, Höhlen voll leerer, auswendig gelernter Formeln. Und was nehmen wir anderes mit nach Hause als das, was wir nicht eh schon mitgebracht haben? Noch etwas anderes als abgestandene Geistgetränke, wieder und wiedergekäute Wiederholungslektüren, die unsere Allunwissenheit benebeln? Überall lungern ausgespuckte Fragezeichen herum, Gedankendarmausdrücke, sprich Darmideen, kleine Weisheiten großer Säufer. Tausendtröpfe rütteln an den Zäunen der Ignoranz, an den Toren des Standesdünkels. Leidenslyrik auf Befehl. Nur hin und wieder Lichtblicke: schweigende Küsse, Kummerküsse, aus dem Schlaf auftauend, die Zeit kosend; dann ein Buch, dann noch eins und noch eins: kunstvoll gestaltete Blätterwälder, die Blüten der Phantasie: die Poesie, die Stacheln: die Hypochondrie; vor den Fenstern: winkende Blätter und Bäume, die in Dachrinnen Wurzeln geschlagen haben; auf dem Parkrasen fauchende Feuer, über ihnen Fleischspieße und Rauchsäulen. Auf den Wegen ringsum leiden sich Langläufer durchs Leben, wie auf der Flucht, auf vergeblicher Flucht vor der Zeit, Elefantengetrampel, Nilpferdgestampfe.

Eine Wampenwanze tritt auf mich zu, ein Dünkelberg mit Dickstirn und Stülpnase. „Was machen Sie?“
fragt mich der Berg.

„Bummeln und gammeln, aber ich tauge auch zum Taugenichts.“

„Und wovon leben Sie?“

„Meine Sponsoren möchten nicht genannt werden.“ Es folgen Zivilisationsangstpeitschenhiebe, das kleine Einmaleins der Arbeitsmoral, die Schrecken des Alters und der Krankheit, abgefeuert von der Wampenwanze, vom Dünkelberg mit Dickstirn und Stülpnase. Ich weiche keinen Millimeter, ich schreie: „Schieß doch, Büttel, schieß doch! Ich habe nichts zu verlieren.“

Die Straße, eine andere Veranstaltung: Aufatmen an der Oberfläche der Zivilisation. Viele Imbißbuden und Schnellrestaurants auf engem Raum: großer Kampf um den kleinen Appetit. Denn alle lieben Tiere: gekocht, gebraten und fritiert. Alle: Rotzlaffen, Tantratänzer, lachende Hypochonder, Ehepopel und Töchter aus Magnesium: Gegenwartsversessene, Vergangenheitsvergessende. Genauso gierig wie sie an ihren Zigaretten saugen, saugen sie auch am Leben. Für sie heißt es schnell einkaufen, dann schnell nach Hause, um sich dort länger langweilen zu können. Sie führen einen Leinenleben, doch die Idee der Revolte ist ihnen so fern wie der Mond. Sie beißen sich lieber ihren Verstand an Trug- und Wirrnüssen aus als über den Tellerrand des Verstandes hinauszublicken.



Schunkelnde Sterne über einem Blütenhimmel, dicke, stinkende Sterne im Zeichen des Ochsen und Frühlingsdüfte zwischen Abgasen aller Art. Die Welt ist ein Erdapfel im All, und die Sonne singt ihr Morgenlied. Der Weckruf des Kaffees hallt durch den Körper. Es hebt sich der Vorhang des Alltags: Schmutzige Arbeit wartet auf saubere Ausführung.
Wo sind die Touristen? Sie arbeiten wieder, sie schicken ihre Kinder zur Schule, ficken ihre Frauen und zahlen Kredite ab. Egal wofür, sie zahlen, zuletzt sogar mit ihrem Leben.

Wenn sich moderne Menschen in Bewegung setzen, dann tun sie das mit Hilfe von Motoren. Das bedeutet: Autos verfolgen mich bis ins Grab. Apropos Grab: Ich gehe über einen Friedhof und sehe blühende Landschaften, Zypressenlandschaften. Die Bäume musizieren. Einige heben an zu singen, und die Combo klingt auch nicht schlecht. Nur die Autos in meinem Kopf fahren gegen die Wand, immer und immer wieder, und von einem Grabkreuz höhnt der Spruch: „Sei getreten bis in den Tod!“

Mich beruhigt die Gewißheit, nicht der einzige Idiot im All zu sein. Ich habe einen Vogel, einen großen, hoch aufgeschossenen Vogel, einen Zeugen des Jehova. Der Vogel steht still, und ich stehe drauf. Ich sehe Frösche im Wind – Frösche sind freundliche Menschen! – ich sehe Frösche und Locher. Vor mir liegt ein alter schwarzer Locher und bittet um Aufnahme. Auf die Frage, woher er kommt, schweigt er wie ein Sarg.

Ich schwimme durch Satzseen ohne Horizont, ohne Anfang und Ende. Kein Land in Sicht, kein Ausruhen, keine Rettung. Ich habe mich dem Schreiben verschrieben, obwohl ich nichts zu sagen habe. Ich beschreibe immer nur wieder, wie ich mir in der Nase bohre. Sämtliche Beschreibungen bleiben vor Unfähigkeit im Ungefähren, im Unausgegorenem stecken, im Mangelhaften, Undeutlichen oder im Überladenen, in der Detailkasperei. Aber das macht nichts. Hauptsache etwas tun, etwas, das ich hinterher in der Hand halten kann, auch wenn es nur ein mit schlechten Sätzen verschmiertes Stück Papier ist. Schreiben als Zeugnis, als Bestandsaufnahme, als Protokoll des Lebens.

Das Unglück kann oder will nicht allein sein. Stets tritt es im Rudel auf. Da gilt es, den Gedankenwagen rechts ranzufahren, den lärmenden Ideenmotor abzustellen und Entscheidungen dem Gefühl zu überlassen!

Mein Schutzengel war gerade Bierholen, als Kugeln auf mich zu liefen wie die Jünger zum Propheten. Sie wurden von Raubtieren abgefeuert, ein Kugelkonzert hungriger Bestien, die in der Nacht in die Stadt gekommen waren. Und schon war der Spuk vorbei, die Raubtiere tot, auf die Martinshörner genommen, von Hornviechern mit Nilpferdhüften.

Ich denke: Die Feuer der Falschheit brennen lichterloh. Das denke ich. Dann setzt mein Kalkkopf zu einem neuen Sprung an, wie ein Springfisch, er springt auf ein anderes Thema auf: „Ungleichheit beginnt in den Hirnhütten und -palästen“, heißt es auf dem Spruchband, das sich durch meine Schädelstube schlängelt und weiter: „Kapitalismus bedeutet umfassende Verantwortungslosigkeit, Papierdemokratie.“ Der Hunger der Armen richtet sich nach dem Geiz der Reichen. Denn das Geld ist so rar, so kostbar wie das Wasser in der Wüste. Der Zug der Habenichtse wächst und wächst. Armes Ich! Brote tanzen auf dem Tisch, wenn Wehmut im Magen musiziert. Diesmal müssen die Brote auf den Tisch verzichten, diesmal tanzen sie über dem Rasen im Park.

Knixen läßt den Kopf hängen. So schleppt er sich durch die Straßen der Stadt, so schleppt er sich durchs Leben: gedemütigt und geschlagen. Die Straßen nennt er sein Zuhause, Brücken und Hauseingänge seine Betten. Sein einziger Freund heißt Alkohol, der, so oft er bei ihm ist, das Leben und das Leiden und die Schmerzen betäubt. Solange sein Freund, der Alkohol bei ihm ist, kann sich Knixen ein Stück weit vergessen, dann schwinden sein Leben, seine Leiden, seine Schmerzen hinter Nebel, hinter Schleier.

Knixen hatte niemals auch nur den Hauch einer Chance gehabt. Das war vor allem seiner Häßlichkeit geschuldet, an die man sich erst nach und nach gewöhnen konnte, eine Mühe, der sich niemand unterziehen wollte. Seine Mutter weigerte sich, das „Monstrum“, das sie gebar, als ihren Sohn anzusehen. Kaum, daß sie die Entbindungsstation, das Krankenhaus verlassen hatte, warf sie Knixen weg, sie warf ihn in eine Mülltonne. Der Zufall verhinderte, daß eine Müllhalde zu seinem Grab wurde, der Zufall in Gestalt eines Müllmanns bescherte ihm Heimaufenthalte, Demütigungen, Mißhandlungen, Mißbräuche und Vergewaltigungen. Das Mülleimerbaby wuchs zum Mülleimermann heran, mit hängendem Kopf und hängenden Schultern.

Neben seinem Freund, dem Alkohol, hat Knixen noch eine Verbündete, seine Dummheit. Sie bewahrt ihn davor, sein schreckliches Schicksal in aller Deutlichkeit zu sehen, zu erkennen. Sie betäubt, sie blendet wie Freund Alkohol, sie legt einen Schleier vor seine Gedanken, einen Nebel zwischen Knixen und der Wirklichkeit.



Als er aufwacht, gehört ihm nicht viel mehr als sein Leben, die Lumpen, die seine Blöße decken und die Bierflasche, die neben ihm auf dem Fußweg wartet. Selbst seinen Schatten hat er schon versoffen. Er wird sich immer weiter ausradieren, sich unkenntlich machen, er wird hilf- und heillos über die Weltkugel kullern und fabeln, faseln, phantasieren. Jeder trägt seinen Tod für sich allein.

Städte und Dörfer wie im Winterschlaf. Nichts und niemand rührt sich. Nur die Heizungsrohre rauschen mitunter. Die Bäume ragen wie Gerippe in die Mondnacht. Der Wind singt Leichenlieder. Er haucht einer Alten die Augen zu, die sich mit einem Strick an einem Ast aufhängt. Ich schreie meine Ohnmacht in die Welt hinaus, doch da ist niemand, der es hört.

Das bringen die nächsten zehn Jahre: dünnere Haare, dickerer Bauch und ausfallende Zähne. Doch was kümmern mich die nächsten zehn Jahre? Es zählt nur die Gegenwart, der Augenblick, denn das Hier und Jetzt verleiht der Vergangenheit und Zukunft ihren Wert: die Erinnerungen und die Hoffnung. Die Zeit ist eine Landstreicherin, sie kommt und geht.

Es ist zum Häuserhauen, wenn ich an die Wampenwanze zurückdenke, an diesen großen Mann mit dem kleinen Geist, kurz: an den großen Kleingeist. Ich kann ihn ja verstehen. Auch ich würde Frieden schließen mit dem System, mit der Bürgerlichkeit, wenn sie meine Nährmutter wäre, wenn ich ihr meine Kraft und Zeit widmete, meine Arbeitszeit, ich würde mich als ihr Kind fühlen und sie rechtfertigen, um mich zu rechtfertigen.

Wie eine stumme weiche Frau schmiegt sich die Bettwurst an mich in der Nacht. Ich vermisse dich, deine große Nase, deinen Mundgeruch und selbst die dicken Adern auf deiner Stirn. Doch es ist schon lange aus, was niemals war, sagt der Zweifel, ein tollwütiger Wolf. Meine Beischlafgelegenheit hat Haare auf der Brust und gebärdet sich wie ein Bär. Sie ist eine Kombination aus Vibrator und Friteuse und braucht wie die Blume Zeit zum wachsen. Aber die Frage lautet: Lohnt die Fragerei? Du schneidest mir Gefühle aus dem Fleisch. Sobald ich an dich denke, meine Muse, fallen mir die Worte aus dem Füller. Der Marxsche ökonomische Ansatz kann das nicht erklären. Ich will dein Halsband sein. Ich will es werden. Es gibt keinen Grund, das nicht zu wollen... obwohl: Du hast viel zu flache Brüste, die nicht zum lecken einladen. Küssen kannst du auch nicht. Blasen ja, wichsen, na ja. Etwas zu schnell für meine Bedürfnisse. Ficken kannst du, aber ficken kann jede. Eine Frau muß handlich sein, wie ein Handkoffer oder Kofferradio! Wenn etwas an ihr dran ist, dann ist auch etwas in ihr drin. Und wenn etwas in ihr drin ist, ist auch etwas an ihr dran. Zum Beispiel wuchernde, ausufernde Nasenhaare. Putain de merde!

Sie lacht lauter als der Tod, ihre Stimme gleicht der einer versoffenen Sau. Was für ein Lärmen! Es scheppert geradezu aus ihrem Hals heraus. Und ihr Umgang mit dem Besen bewegt die Alarmanlage loszuheulen, und das, obwohl sie ausgeschaltet ist.

Das liegt schwer in den Augen: Bomben im Badezimmer. Alle Stühle sind schwanger und die Wanne ist voller Thunfische. Ich darf mein Lächeln nicht verlieren, trotz des kalten Kaffees und der Billigzigaretten. Laufmaschen im Hirn, Gräten im Kopf, zurück im Fäulnisturm der Einsamkeit. Aber nicht doch! Es gilt, das Gras zu zähmen, nicht zuviel davon zu nehmen. Dann wird alles gut. Laufmaschen im Blick, das Ruhekissen ruft. Grillen grillen nicht, und Frösche röhren wie Alkoholiker. Libellen bellen nicht, und Massen morden in Massen, massenweise. Bluträusche für das Volk. Alle dürfen mitmorden! Alle sind herzlich dazu eingeladen. Der Tod trägt menschliche Züge. Der Tod trägt den Mensch, und der Mensch trägt den Tod.



Saumagengeschwüre sammeln sich zum Gebet. Alles hat seinen Preis, und alles Billige wird mit Preisen ausgezeichnet. Sie ist die Matratze meines Vertrauens, ich beschlafe sie schon über zwölf Jahre. Das Haus altert, und die Musik hat andere Ohren bekommen. Die Wolken blicken wie Kirchenfenster. Sie bringen den Donner der Geschütze, der herannahenden Front.

Neurotikernachrichten: Die Welt ist so, wie wir sie sehen, wie wir sie zu sehen gelernt haben. Ich bin in den Strom hineingeboren worden, in einen Fluß ohne Anfang, ohne Ende. Deshalb ist es mir nicht möglich, Geisteskrankheiten von gesellschaftlichem Bewußtsein zu unterscheiden. Liegt es daran, daß ich mitten im Strom stehe?

Vor mir liegt das Wissen. Es hat ein Schiff, einen Turm und trägt einen Helm. Die Gedanken blenden, und ich sehe nichts mehr, schwitzend wie ein Schneemann in der Julisonne. Mein Lächeln zerfließt und verschwindet: dahin, dorthin, sonstwohin, nach langjähriger Kokainflucht.

Letztens klingelte irgend jemand an meiner Wohnungstür und fragte mich, wo sich das Klo befinde. Er ging hinein und kotzte sich, den Geräuschen nach zu urteilen, aus. Bevor er wieder verschwand, bedankte er sich nicht bei mir, wie ich es erwartet hatte, sondern sagte „Bitte“.

Hatschick und Ofen, zwei Wissenswaffenfabrikanten, erfanden das Rad ganz neu. Sie versprachen sich viel davon. Und es sprach vieles für sie: ein Auto, ein Toaster, ein Rasierapparat, eine leere Flasche, eine Seifenblase, ein Hirn, mehrere Rollmöpse und ein schwaches Dutzend Hämorrhoiden.

Es gilt, Kreuz und Kreislauf aufzurichten. Vor allem aber muß der Kampf gegen die Angst weitergehen, gegen das heillose Zittern am ganzen Körper! In Räumen und in Gegenwart von Menschen quälen mich Schweißausbrüche und Erröten, Konzentrationsschwäche, Leistungsabfall, Nervosität und unkontrolliertes Zucken. Und dann dieses ewige Denken, dieses Denkenmüssen! Mein Hirn ein Gedankenwasserfall, ein reißender Wildbach, in dem ich untergehe. Rühren die Magenschmerzen von einem Geschwür her?

Totale Kontaktlosigkeit, Angst vor allem und jeden, ich bin nicht einmal mehr zu einem Gespräch fähig. Wer bin ich? Ich bin tot, ich bin das Ende der Welt. Immer das Gefühl, nicht dazuzugehören und alle wissen das. Ich bin ein angelesenes, zusammenhangloses Nervenbündel, ein Niemand, ein Ungewisses in der Ungewißheit, ein Faß ohne Boden.

Ich kenne den Weg nicht, den Weg zu mir, er ist verstellt, längst verlorengegangen. Ich sehe noch nicht einmal meinen Ausgangspunkt, meinen Standort, kein Licht, nichts als Dunkelheit, nichts als Nebel. Ich sehe nur Zerstörung, Chaos und Untergang. Nichts als Angst und Ohnmacht, Verzweiflung und Entsetzen! Und vielleicht auch das nichts als eine Komödie, ein Erdbeerfeld.

Die Straße bevölkern Frösche, quakende Kröten, große, kleine, dicke und dünne, mit Schrauben auf dem Rücken. Wie aufgezogen hüpfen sie umher, mit aufgerissenen Augen und gesundem Froschempfinden. Immer sind sie unterwegs, Ruhelose auf dem Weg zu irgendwen und irgendwas, ob zur Arbeit oder in den Krammarkt, und immer mit der Lektion auf der Zunge, die sie zuletzt gelernt haben: im Fernsehen, in der Schule.

Warum sollte ich etwas aus mir machen? Warum ein Frosch werden, eine quakende Kröte? Warum etwas tun, wenn ich abends nicht weiß, ob es ein morgen gibt? Ich bin ein Angstbündel, gefesselt und gelähmt, ein Windspiel. Ich bin ein Kind der Moderne: mit gebrochenem Rückgrat. Seitdem mir Wille und Selbstbewußtsein genommen wurden, flüchte ich durch einen großen Alptraum. Mir blieben nur die Angst und der Haß, Angst vor den eigenen Gedanken, die mich verfolgen und Haß, der mich zerstört, bei lebendigem Leibe auseinanderreißt. Ein Abgrund tut sich vor mir auf: Ich blicke hinab und sehe überall mich selbst, Zerrbilder, Monstren, hochhackige Zweifel. Keine Ruhe in Sicht, keine Zeit für mehr Zeit, nur Unruhe, Hoffnungslosigkeit und Trauer. Ich weine schon, nur wenn ich sehe, wie ein Baum seine Blätter verliert.

Ich weiß nichts über mich, fast nichts. Ich weiß nur, daß ich lebe und Angst habe: vor dem Leben, vor der Liebe.

Jahresabschlußschwermut, Jahresanfangsdepression: Das Erwachen ist wie ein Abschied, vom Gestern, vom Morgen, vom Leben; das Jahrtausend verreckt wie eine Eintagsfliege. Die Geschichte begann mit einer Lüge: Sie lehrte den Zufall, die Kontingenz. Wie dem auch sei: Bruder Zufall steckt mich in ein Opferkostüm. Mein Gesicht wie ein Gitterfenster, das Gesicht eines gelernten Einzelgängers. Ein Großteil meiner schlechten Laune kommt vom Gestank anderer Leute, und der andere Teil davon, daß es sie gibt. Warum hat Gott ihre Hirne aus seiner Scheiße gemacht? Je weiter die Landschaft, desto enger die Geister! Sie scheren sich einen Dreck um den Dreck, den sie machen.

Ich hatte wenige Frauen, viele Bücher. Meine Muse – fett wie ein Wal und glatt wie ein Aal - schleppt sich die Treppe rauf, die Stufen schreien bei jedem ihrer Schritte. Meine Ohren bluten von ihrer dicken Stimme. Ich denke nur: Reiß dein Maul nicht soweit auf, und du behältst ein menschliches Gesicht!

Was für ein Leben: träumend am Fenster, hoch über den Wolken, über der Stadt! Bilder schießen über die Dächer: geflügelte Armbanduhren, Kirchturmspitzen wie Zipfelmützen. Der Frühling legt sich übers Land, die Wolken ziehen sich zur Beratung zurück. Der Blick geht aufs gemalte Meer hinaus. Meereswellenmelodien, Wogen wagen sich an den Strand, dort ihr Ende zu finden. Zwar rauschen sie und bauschen sich auf, doch dann versinken sie im Sand und fügen sich einer anderen Art, Wasser zu sein, wieder ein.

Mein Ich meldet sich zurück, es ist außer sich gewesen. Ich hatte mein Leben am Tresen abgegeben, ich hatte das Netz über das Nichts gespannt. Als ich die Bar betrat, sah ich wie der erste Gast aus. Zweimal kaufte ich Bier bei ihr, zweimal sagte die Chromprinzessin: „Das macht zwei Ditscher.“ Aus den Lautsprechern dröhnten die Weisheiten des Lebens, mit balancierender Zunge zwischen Biedermeier und Stammtischrevolution. Ich starrte auf die Chromprinzessin, die Sonnenstrahelngestalt: verlegenes Verlangen, zeitloses Grinsen. Wie gern würde ich Bett und Träume mit ihr teilen!

Ich schreibe über meine Sprachlosigkeit und darüber hinweg, in die Kiste mit den schönen bunten Worten greifend, zu Worten wie Glaskugeln: Viele Wege führen nach Rom. Nehmen wir meinen! Mit Käse, Wurst und Gedanken beladen.




Freunde, von denen man spricht

von Rüdiger Saß
I. Der Zeitgeist


Wohin ich auch blicke, an wen ich mich auch wende: Spießer,
jung und alt, groß und klein, Bauchbürger und die, die es werden wollen. Und
mitten unter ihnen der Zeitgeist, ein kleiner Geist in großem Körper, mit
verfettetem, nahezu erstarrtem Mienenspiel. Dieser Herr schert sich um nichts,
er überläßt sich und sein Schicksal anderen, unbekannten Mächten, die „schalten
und walten, wie sie wollen“, wie er sagt.

Der Zeitgeist arbeitet: als Federhalter oder Finderlöhner,
als Lückenbüßer oder Zeitzerstreuer. Er arbeitet, um einzukaufen. Während
seiner Freizeit findet er sich in Kramgewölben wieder, in Zeitschriften und
Katalogen. Oder er macht Urlaub, zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Kein
Land, kein Erdteil, in dem er nicht auf Liegen liegt, auf Plastikliegen am
Strand, verwöhnt und verhätschelt, von Zäunen und Sicherheitspersonal
abgeschirmt – alles im Preis inbegriffen - abgeschirmt von Einheimischen, die
vor den Zäunen verhungern und verdursten.

Der Zeitgeist sieht das Elend anderer nicht. Alle seine
Sinne sind auf ihn selbst gerichtet. Die anderen werden zusammen mit der
Vergangenheit in die Verließe des Vergessens geworfen, immer und immer wieder,
so oft sie auch ausbrechen sollten.

Der Zeitgeist hat mindestens ein Auto, das größte und
schnellste im Kollegen- und Bekanntenkreis, trotz ständig steigender Preise,
trotz allem. Mit dem Auto fährt er überallhin: zum Bäcker, zur Arbeit und in
den Park, wo sich „Hansi“ oder „Hector“, sein Hund, an Enten und Langläufern
austobt. Der Kampfhund ist sein bester, sein einziger Freund, denn der
Zeitgeist lebt allein. Er hat keine Freunde, nur Bekannte, keine Frau, keine
Kinder. „Frauen und Kinder kosten Nerven, Zeit und Geld. Sie kosten die
Freiheit“, sagt der Zeitgeist.

Abends, wenn er müde von der Arbeit kommt, in seine leere,
weiß geleckte Wohnung, dann raucht der Zeitgeist eine Zigarette. Er raucht auf
dem Balkon, er raucht bei Wind und Wetter, damit die Wände seiner leeren, weiß
geleckten Wohnung keinen Schaden nehmen.



II. Der Zeitgeiz

Er ist der kleine große Bruder des Zeitgeists, ein dürrer, abgehetzter Vogel mit fliehendem Blick. Der Zeitgeiz ist der König der Sparkünstler. Er schlägt Menschen und Zeiten in die Flucht - ganze Erdteile und Epochen - in eine fortdauernde Flucht vor dem Leben, vor sich selbst, er jagt sie vor sich her wie gehetztes Wild, wie Schlachtvieh, von Termin zu Termin, von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt. Kein Anhalten, kein Aufatmen. „Nur nicht stillstehen!“ heißt die Devise des Daseins, wer stehen bleibt, hat verloren.

Der Zeitgeiz zerhackt den Tag in immer kleinere Teile, bis zur Unkenntlichkeit, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. „Wie heißt meine Frau noch, und wie sieht sie eigentlich aus?“ heißt es dann. „Wie viele Kinder habe ich? In welche Klasse gehen sie?“ Selbst der Urlaub wird nicht mehr wahrgenommen, der Kurzurlaub auf Mars und Mond. Ein Tag wie der andere, Jahre und Jahrzehnte auf der Überholspur. Und plötzlich spielt das Leben einen Streich, plötzlich zieht es einem einen Strich durch die Rechnung: wenn sich Krankheiten melden, wenn das Rentenalter, der Ruhestand winkt, wenn der Tod plötzlich auftaucht. Dann zeigt der Zeitgeiz sein wahres Gesicht: das eines aufgeplusterten, falschen Vogels, eines Wichtigtuers und Hochstaplers, der einen um die besten Jahre, wenn nicht ums Leben gebracht hat.



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